Der Juli hat meinen Liebsten und mich durch den Westen Australiens bewegt – und das Wort «Bewegung» dabei aus fast jeder denkbaren Richtung inspiriert. Wir waren mit dem Camper unterwegs, sind mehr als 4’500 Kilometer über lange, manchmal fast leere Strassen gefahren, haben rote Schluchten, trockene Ebenen, türkisfarbenes Meer, weisse Dünen und einen Sternenhimmel erlebt, der uns immer wieder sprachlos gemacht hat. Wir sind geflogen, gepaddelt, geschnorchelt und über Wadjemup (die Insel Rottnest Island vor Perth) mit dem Velo gefahren. Viel Bewegung im Aussen und noch mehr im Innen.
Besonders tief hat mich Karijini berührt. Im Regen standen wir an den Rändern der Gorges des Nationalparks und schauten in ein Land, das von Wasser und Zeit geformt wurde. Rot, braun, ocker, grün. Im Kalbarri National Park hatte ich später das Gefühl, die Steine und Bäume würden sprechen. Nicht in Sätzen, die ich hätte aufschreiben können. Eher als Atmosphäre, als Verdichtung, als eine leise Erinnerung daran, dass Leben und Geschichte weit über unsere menschliche Zeitrechnung hinausreichen. Bewegung zeigte sich dort nicht als Schnelligkeit, sondern als Beharrlichkeit: Wasser formt Stein. Wind formt Bäume. Meer formt Küsten. Und Erfahrungen formen uns – oft lange, bevor wir verstehen, was sie in uns verändern.
Am Ningaloo Reef wurde Bewegung für mich ganz körperlich. Schnorcheln war zunächst mit Angst verbunden. Wasser über mir, Tiefe unter mir, Atmen durch einen Schnorchel – mein Körper wollte lieber Sicherheit. Doch nach einer ersten Übung trat die Angst in den Hintergrund. Ich sah Mantas, die wie grosse Vögel durch das Meer flogen, eine Schildkröte, Haie an einer Putzstation und unendlich viele Fische. Einige Tage später schnorchelten wir bei Dirk Hartog Island. Knallblaue kleine Fische liessen sich von der Meeresbewegung tragen. Nicht gegen die Welle, sondern mit ihr. Dieses Bild ist mir geblieben: Vielleicht müssen wir nicht jede Bewegung beherrschen. Manchmal reicht es, uns einfach tragen zu lassen.
Shark Bay war für uns eine besonders reiche Station. Delfine in Monkey Mia, Wale, Stingrays, ein Tigerhai nahe am Boot, ein riesiger Manta, die Milchstrasse und das Kreuz des Südens über Denham. Freude und Staunen waren sehr nah. Zugleich reisten Sorge und Verletzlichkeit mit, denn während dieser Tage wurde jemand aus der Familie am Herzen operiert. Die gute Nachricht erreichte uns mitten in der Nacht im Yardie Homestead, während der Vollmond durch das Camperfenster schien. Im Leben liegen Freud’ und Leid’ oft nah beieinander. Schönheit hebt Sorge nicht auf. Sorge macht Schönheit nicht unwahr. Beides kann gleichzeitig im Herzen wohnen.
Auch Trauer zeigte sich unterwegs. Als sich die Landschaft südlich von Kalbarri plötzlich ins Grüne veränderte, erinnerte sie mich an einen mir sehr nahen Menschen, der viel zu früh gegangen ist. Für einen Moment konnte ich kaum begreifen, dass er tot ist. Ich spürte Traurigkeit, aber auch seine Präsenz und später seine Mitfreude darüber, dass mein Schatz und ich diese Reise erleben. Die Trauer als innere Empfindung verwandelte sich, weil sie sich mitteilen durfte, schliesslich in Dankbarkeit. Was sich in uns bewegt, möchte nicht immer sofort erklärt oder gelöst werden. Es möchte zunächst wahrgenommen, zugelassen und in eine ihm entsprechende Form gebracht werden.
Manchmal war diese Form ein Gespräch. Manchmal ein Foto, ein Video, ein Lachen, ein klares Nein, ein Sprung ins Wasser oder das Eingeständnis: Jetzt ist es genug. Manchmal war sie auch Gereiztheit. Auf langen Fahrtagen wurden wir müde, die Kühlschrankbatterie fiel aus, Essen war mittelmässig, Orte fühlten sich für mich schwer oder touristisch an, und auf dem Nachtflug nach Hause waren wir wegen einer stark hustenden Mitreisenden genervt. Auch das gehört zum Leben. Eine Reise ist nicht nur eine Sammlung schöner Bilder. Sie zeigt, wie wir reagieren, wenn wir erschöpft, überreizt, ängstlich oder enttäuscht sind und ob wir danach wieder in Verbindung finden: mit uns selbst, miteinander und mit dem Mitgefühl.
Nach der Rückkehr träumte ich, ich stünde auf einer Sand- oder Eisdüne und würde singen. Zuerst fein und still, dann immer klarer: «Open your mind … open your throat … open your heart.» Um mich herum waren Menschen in Eile, wie mitten in einem Verkehrschaos. Je mehr ich mich traute zu singen, desto stärker spürte und hörte ich mich selbst. Und desto mehr wurde ich von anderen wahrgenommen. Ich musste nichts konstruieren. Die Botschaft floss einfach durch mich hindurch.
Vielleicht ist dieser Traum die verdichtete Antwort der Reise: Äussere, was dich bewegt, bedeutet für mich nicht, ungefiltert jede innere Regung öffentlich zu machen. Es bedeutet, der eigenen Bewegung und Empfindung eine wahrhaftige Gestalt im Moment zu geben: Einen Ton. Ein Wort. Ein Bild auf Whatsapp. Eine Entscheidung. Einen Schritt. Ein Schweigen, oder eine Stimme, die nicht länger zurückgehalten werden möchte. So wie die Lichtbotschaften, die immer wieder durch mich fliessen. Was in uns lebendig ist, will nicht eingeschlossen bleiben. Es möchte durch uns hinaus in die Welt gelangen und dort etwas berühren. So wird aus Eindruck Ausdruck, nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere.
Lichtnachtbotschaft im Juli – Äussere, was dich bewegt
© 2025/2026 Text, Stimme, Mandala-/Video-Design: Birgitta Borghoff; Musik (Canva Pro): Wayfinders (Trevor Kowalski), Rise of the Sun God, Aiming at Polaris, The Great Ascent (Dream Cave)
